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Stimmen, die auffallen: Wie wir uns in San Luis Potosí in Mexiko gegenseitig unterstützt haben

Noise-San Luis Potosi

Wir sollten eigentlich nicht hier sein müssen, sagt eine der Protagonistinnen in einer Szene, in der sie versuchen, eine – oder mehrere – der seit vielen Jahren stattfindenden Feministendemos in den Straßen verschiedener Städte zu rekonstruieren.

Wenn Sie dies lesen, dann bedeutet das, dass Sie genau wie ich und alle anderen, die an der Produktion von Noise beteiligt waren, etwas an unserem Thema interessant finden. Vielleicht sind Sie genau wie ich nicht so sicher, woran es liegt, dass Sie den Schmerz anderer tief in Ihrem Inneren spüren, und warum er Sie persönlich berührt. Dabei ist es egal, ob Sie in der glücklichen Lage sind, mit den zahlreichen Auswüchsen der Gewalt in Mexiko nicht in Berührung gekommen zu sein, denn der Schmerz der anderen ist auch Ihr Schmerz. Und das ist genau der Punkt, an dem wir uns treffen, auch wenn wir uns persönlich nie begegnet sind. Und auch, wenn es sich widersprüchlich anhört, ist es nicht der Schmerz, der uns zusammenbringt, sondern Liebe und Empathie. Durch diese Kräfte und die Art, wie wir auf die Welt blicken, gibt es Hoffnung, dass unser Land ein wenig besser wird.

Noise ist mein dritter Spielfilm und das schwierigste Projekt, mit dem ich bisher zu tun hatte. Mit Julieta Egurrola in der Hauptrolle, die im realen Leben meine Mutter ist, erzählt Noise die Geschichte einer Mutter, die im heutigen Mexiko ihre Tochter sucht. Und obwohl die Handlung dem Horrorgenre näher zu sein scheint, war meine ursprüngliche Motivation zur Produktion des Films das genaue Gegenteil.

Als mexikanische Frau und Mutter eines kleinen Mädchens sowie als Filmemacherin war es für mich beinahe unvermeidlich, die Möglichkeiten zum Kampf gegen die unglaublichen Gewaltexzesse in unserem Land, die unsere Gesellschaft nun schon so viele Jahre begleiten, mit ganzem Herzen und ganzem Verstand zu analysieren. Im Hinblick auf meine eigene Verantwortung musste ich mir im Zusammenhang mit der Recherche für diesen Film und als nie endende Lernkurve des Lebens selbst täglich diverse Fragen stellen, um irgendwo einen Lichtstrahl inmitten all dieser Horrorgeschichten in all den sozialen Medien zu finden, der mir eine Atempause gönnt. Und schließlich habe ich gemeinsam mit der Suchorganisation Voz y Dignidad por los Nuestros S.L.P. (Stimme und Würde für die Unsrigen aus San Luis Potosí) die Wärme und das Licht gefunden.

Voz y Dignidad ist eine der beiden Organisationen zur Suche von Vermissten, die im Film ihre Geschichten mit eigenen Worten erzählen. Die andere Organisation nennt sich „Buscándote con Amor Edo. Mex“. Die Puristen, die für alles eine Schublade brauchen, um Dingen einen Sinn zu geben, mögen den Film eine „Dokufiktion“ nennen. Für mich ist es eher ein freies Experimentieren mit Grenzen, an die man gelangt oder die verschwinden, und die ich bei der Entwicklung von Noise zusammenbringen wollte. Bei diesem freien Experiment wurde ich tatkräftig von Lupita, Edith und Diana unterstützt, die diese beiden Organisationen gegründet haben. Ihnen gilt mein Dank für ihre unendliche Beharrlichkeit, mit der sie ihre Liebsten gesucht haben, und für ihre Erinnerungen und ihre schonungslose Offenheit. Mir wurde dadurch bewusst, dass die Chance, Freude zu empfinden, die Verbundenheit mit anderen, zu lachen und einen Weg gemeinsam zu gehen auch eine Art Rebellion sind. Es ist die Stärke der Gemeinsamkeit, die Veränderungen bewirken kann.

Es war für mich eine der beeindruckendsten Erfahrungen in meiner gesamten beruflichen Laufbahn, an den Ort zurückzukehren, an dem wir große Teile des Films gedreht haben, und den fertigen Film nicht nur den an der Produktion Beteiligten zu zeigen, sondern auch all den Familien, die sich in der Organisation Voz y Dignidad engagieren sowie den Repräsentanten von fünf weiteren Suchorganisationen unseres Landes.

Die Filmvorführung, die nun schon einige Tage her ist, hat uns extrem stark daran erinnert, warum wir diesen Film gemacht haben. Während der Unterhaltung mit unseren Gästen meldete sich eine junge Frau zu Wort, die eine unserer Komparsinnen war, dass sie erst dank unseres Films herausgefunden hat, dass es in San Luis Potosí eine Organisation gibt, die sich um die Suche von Vermissten kümmert. Sie war schon seit 2019 auf der Suche nach ihrem Vater und hat noch während der Filmvorführung den Kontakt mit Voz y Dignidad aufgenommen.

Es sollte eigentlich nicht nötig sein, geliebte Menschen suchen zu müssen oder sich zu fragen, wo sie sind oder wer sie entführt hat. Wir sollten eigentlich nicht hier sein müssen, aber wir sind es.

Lucy Hernandez

Publicity México

lucyh@netflix.com